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Kai-Holger Brassel
Autor und Software-Entwickler

Habe ich schon erwähnt, dass die SERAPH-Preisträger*innen des Vorjahres auf der Leipziger Buchmesse die Laudatio für ihre Nachfolger*innen halten dürfen? So war es an mir, zehn Tage vor der Veranstaltung den Gewinnertitel Eine Blume aus Gift und Eisen zu lesen und meine Begeisterung über das Buch in Worte zu fassen, wobei ich gestehen muss, dass es überhaupt erst der vierte oder fünfte Fantasie-Roman ist, den ich in meinem Leben gelesen habe. Die Verleihung des Indie-Seraph samt Laudatio auf der großen Bühne in Halle 5 ist in diesem professionellen Video ab Minute 23 zu sehen. Zum Nachlesen hänge ich unten den Text der Laudatio an. Alle Gewinnertitel werden auf der Webseite der Phantastischen Akademie vorgestellt.

Neben Preisverleihung und der sich anschließenden sehr launigen Nacht der Fantastik war die Leipziger Buchmesse auch dieses Jahr wieder ein tolles Erlebnis für mich. Über vier Tage hinweg gab es interessante Lesungen und Vorträge und dazu zahlreiche Begegnungen an Verlagsständen und natürlich in der unverzichtbaren Phantastik-Lounge. Als Erholung vom Messetrubel blieb der Samstag Veranstaltungen der Klimabuchmesse vorbehalten: Die Schreibwerkstatt Schreiben für eine gute Zukunft hat mich neu motiviert und die hochrangig besetzte Abendveranstaltung Energie, Macht und Manipulation hielt einige Aha-Momente für mich bereit. Ich hoffe sehr, dass ich auch nächstes Jahr wieder die Gelegenheit haben werde, die Leipziger Buchmesse zu besuchen.

Laudatio für den Indie-Seraph für »Eine Blume aus Gift und Eisen« von Yola Stahl

Hallo allerseits. Bevor ich gleich auf ein bestimmtes Buch zu sprechen komme, will ich sagen, warum gute Bücher gerade heutzutage so wichtig sind. Überall hören wir, wir müssten mehr leisten, mehr produzieren und mehr konsumieren. Es muss immer noch mehr von allem sein: mehr Arbeit, mehr Bildschirme um uns herum, noch mehr Autos, mehr Wohlstandskrempel und noch fernere Reisen. Wehe, das Wachstum stockt, denn dann sei unser aller Wohlstand in Gefahr, so das Mantra. Ein Wohlstand, der allerdings immer nur in Geld, also materiell, gemessen wird. Dass dabei mindestens ein Drittel der geleisteten Arbeit unter den Tisch fällt – Selbstversorgung, Ehrenamtliches, Care-Arbeit –, ist schon mal bescheuert. Und von »unser aller Wohlstand« zu reden, ist irgendwie auch lustig, wenn man bedenkt, wie extrem ungleich dieser Wohlstand verteilt ist.
Das eindimensionale Wachstumsdenken verschleiert aber noch etwas anderes: Außer dem materiellen Wohlstand gibt es nämlich so etwas wie geistigen Wohlstand. Was nützt es, wenn Kühlschrank und Bankkonto voll sind, der Kopf aber leer? Es stimmt: Erst kommt das Fressen und dann die Moral! Aber in einer Zeit, in der wir sogar massenhaft Nahrungsmittel verrotten lassen, sollte es doch eigentlich möglich sein, »der Moral«, also unserem geistigen Wachstum, wieder eine höhere Priorität zuzuweisen.
Ich glaube, die meisten sind heute hier, weil sie ihren geistigen Wohlstand mehren wollen und wissen, dass es dafür eine relativ einfache Möglichkeit gibt, nämlich das Lesen guter Bücher. Doch wie finde ich die guten, die bereichernden Bücher? Zum Beispiel indem man sich auf Leute verlässt, die Ahnung haben, etwa die Mitglieder der Phantastischen Akademie, die die Bücher hinter mir ausgewählt haben. Und natürlich auf die Fachjurys, die sie gelesen und beurteilt haben, um diese wunderschönen Statuen zu vergeben.
Und weil ich seit zehn Tagen weiß, was ihr nicht wisst, durfte ich den besten Indie-Titel schon lesen und auf mich wirken lassen. … Hat er mich bereichert? Oh ja!
Zunächst einmal bin ich um eine ganze Welt reicher geworden: eine krasse, harte, vielfältige und unübersichtliche Welt. Atmosphärisch dicht beschrieben, offenbart sie sich im Laufe der Erzählung erst allmählich, was für sich allein schon sehr spannend ist. Diese Welt hat in den Protagonisten tiefe Spuren hinterlassen, die auch erst peu à peu zum Vorschein kommen und das Misstrauen erklären, das zwischen ihnen herrscht. Das ist ungünstig, denn sie müssen gemeinsam eine Aufgabe bewältigen, die nicht nur für sie von größter Wichtigkeit ist.
Im Text finden sich wundervolle Beschreibungen für das Fremde und das Unerhörte, das Schöne und das Abstoßende, das Brutale und das Zärtliche. Mittendrin zwei, die lernen, dass Liebe weiterträgt als Begierde, und Vertrauen weiter als Liebe. Und dann denke ich plötzlich: Wenn die das in dieser Welt und bei den Verwundungen hinkriegen, dann müssten wir das in unserer Welt doch auch schaffen. Das, liebe Leute, ist die Kraft fantastischer Literatur!
Eine Jury-Stimme meint: »Dieser Roman hat einfach alles: ein großartiges Worldbuilding, einen packenden Heist-Plot, vielschichtige Figuren, schicksalswiderlegende Lesben, einen super angenehmen Schreibstil und eine wirklich schöne Aufmachung.« Eine andere Stimme spricht von dramatischen Wendungen und fein ausgearbeiteten Figuren. Es sei das originellste und packendste Werk, weil es bewegende Momente, spannende Konflikte und ein kreatives Worldbuilding mühelos vereint.
Stolz darauf, der erste Gratulant sein zu dürfen, gebe ich hiermit bekannt: Der Seraph für das beste verlagsunabhängige fantastische Werk des Jahres geht an … »Eine Blume aus Gift und Eisen« von Yola Stahl. Herzlichen Glückwunsch!